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Eine Chance für junge Straftäter
Leonberg Bei einem Tag der offenen Tür erhalten Besucher Einblicke in den offenen Strafvollzug im Jugendhof Seehaus. Von Jonas Müller
Vor 400 Jahren ist das Seehaus in Leonberg entstanden. Den Geburtstag haben am Samstag viele Besucher mit interessanten Führungen und politischen Diskussionen gefeiert.
Das Seehaus hat eine bemerkenswerte Geschichte hinter sich. Früher wohnten dort Adlige, vor sechs Jahren hat der Verein Prisma hier den Jugendhof Seehaus ins Leben gerufen. Jugendliche Straftäter haben bei diesem Projekt die Chance, sich im offenen Strafvollzug auf ein Leben nach der Haftzeit vorzubereiten. Bei dem 400. Geburtstag des Hauses haben die Besucher am Wochenende Einblicke in die Geschichte und den Alltag der jetzigen Bewohner bekommen.
Wie nah Geschichte und Zukunft hier beieinander liegen, zeigte der Ideenwettbewerb der Hochschule für Technik Stuttgart. Die Studenten hatten sich Gedanken über den möglichen Um- und Ausbau der Scheune gemacht und ihre Entwürfe vorgestellt. Die Besucher durften entscheiden, welcher Entwurf ihnen davon am besten gefällt. Umgesetzt werden soll aber keiner der Entwürfe, auch wenn ein Umbau der Scheune langfristig noch ansteht
Den werden die Jugendlichen des Seehaus-Projekts dann selbst in die Hand nehmen. So ist bereits die Holzwerkstatt aus einem alten Stall entstanden. Inzwischen gibt es auch eine neue Metallwerk; statt. Im Seehaus kann der Hauptschulabschluss nachgeholt oder ein erstes Lehrjahr in verschiedenen Bau- und jetzt auch Metallberufen begonnen werden. Die jugendlichen Teilnehmer am Projekt nutzten den Tag der offenen Tür, um den Besuchern das Leben im Seehaus zu erklären. „Das hilft Vorurteile abzubauen", erklärte der Prisma-Geschäftsführer Tobias Merckle. Deshalb stellten sich die Jugendlichen auch den Fragen der Besucher.
„Natürlich sind die Jugendlichen schuldig geworden. Aber sie haben auch ein wahnsinniges Potenzial für die Gesellschaft", betonte Merckle. „Unser Ziel ist es, die Jugendlichen zu integrieren." Im Seehaus können sie deshalb nicht nur eine handwerkliche Ausbildung beginnen. Auch kreative Angebote gibt es für die Jugendlichen. Was sie da lernen, zeigten sie mit einem Theaterstück.
Die jugendlichen Straftäter sollen sich nicht nur an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen, sie lernen auch das Zusammenleben in einer Familie. Auch wenn die Besucher aus unterschiedlichsten Gründen ins Seehaus kamen, „ist es schön zu sehen, wie viele Bürger hinter dem Projekt stehen", sagte Merckle: Das freue ihn besonders, weil es anfangs viele kritische Stimmen gegeben hatte.
Wie viel Arbeit in dem Projekt steckt, berichteten am Samstag ehrenamtlich Engagierte in verschiedenen Vorträgen. „Gerade für das soziale Engagement ist das natürlich ein ganz besonderes Projekt", weiß Merckle. Deshalb habe ihn auch das Lob des Oberbürgermeisters gefreut. Der hatte am Morgen das Fest im und um das Seehaus eröffnet.
Die Bedeutung des Seehauses als eine Form modernen Strafvollzugs diskutierten dann auch Landtagsabgeordnete und der Polizeipräsident der Landespolizeidirektion Stuttgart. Der Amoklauf in Ansbach und der Mord in der Münchner S-Bahn lieferten viel aktuellen Gesprächsstoff zum Thema „Jugendkriminalität wirkungsvoll bekämpfen". Dabei diskutierten die Podiumsgäste nicht nur die Notwendigkeit, Jugendliche schneller zu bestrafen. Auch das Waffenrecht, die Mediennutzung und die Probleme in den Familien kamen zur Sprache.
Im Mittelpunkt der Diskussion stand aber nicht die Bestrafung der Täter, sondern die Prävention. Polizeipräsident Konrad Jelden gab den Eltern noch einige Tipps mit auf den Weg: „Viel hängt vom Erziehungsstil ab. Dort, wo die Eltern Zuneigung zeigen und Grenzen setzen, ist die Tendenz zur Gewalt bei den Jugendlichen am niedrigsten. Deshalb sollte jeder die eigene Verantwortung gegenüber den Kindern wieder wahrnehmen."
OFFENER STRAFVOLLZUG MACHT SCHULE
Strafvollzug Der Jugendhof Seehaus bietet jugendlichen Straftätern einen Strafvollzug in freier Form. Viele kommen aus der Justizvollzugsanstalt Adelsheim. Nicht aufgenommen werden akut Drogenabhängige, Sexualstraftäter
oder wegen vorsätzlicher Tötungsabsicht Verurteilte. Bis zu 15 Jugendliche zwischen 14 und 23 Jahren können hier unterkommen. Sie leben in Wohngemeinschaften und in Familien integriert.
Ausbildung Während ihres Aufenthalts können die Jugendlichen ihren Hauptschulabschluss nachholen und eine Lehre beginnen. Dabei können sie aus 18 verschiedenen Bauberufen wählen. Neu ist die Metallwerkstatt . Sie bleiben mindestens ein Jahr im Seehaus, wo sie sich jeden Tag bewähren müssen. jo